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Glossar

Stummfilme / Musiker

Der Heilige Berg

DER HEILIGE BERG ist ein Drama um Liebe und Freundschaft, ein gewaltiges Spektakel um Wolkentürme, Gletscherspalten, Schattenfiguren und Meeresklippen. Um „den Menschenblick“ tief in „die ungeheure Welt der Ungeheuer hineinzuwerfen“ (Béla Balázs, 1931), ist der Film mit modernster Kameratechnik an Originalschauplätzen inmitten von Eis und Schnee gedreht. Die Filme von Arnold Fanck bedienen mit ihren stimmungsvollen Gegenlichtaufnahmen, einer eigenwilligen Montage und durch die akrobatischen Darbietungen der Schauspieler und Sportler das Bedürfnis des Kinopublikums nach Unterhaltung ebenso wie Lust am Schauen und Schaudern. Die Bergfilme waren eines der populärsten Genres des Weimarer Kinos.

Diotima (Leni Riefenstahl) ist eine begnadete Tänzerin. Als sie in einem tief verschneiten Wintersportort auftritt, verlieben sich spontan zwei befreundete Bergsteiger in sie. Der eine, der Film nennt ihn väterlich „der Freund“ (Luis Trenker), lernt Diotima kennen und will sie „ganz hoch oben“ auf den Berggipfeln heiraten. Aber auch der andere Freund, der jugendliche Vigo (Ernst Petersen), begegnet, als er sich auf dem Weg zu einem Skirennen befindet, Diotima. Um ihn anzuspornen, verspricht sie Vigo, ihm im Falle eines Sieges einen Wunsch zu erfüllen. Vigo siegt und legt seinen Kopf in Diotimas Schoß. Der Freund, der dieser Szene zufällig aus der Ferne beiwohnt, Vigo aber nicht erkennt, flieht in die Berge und beschließt die gefährliche Santo-Nordwand zu besteigen. Vigo folgt ihm. Nachts auf einem Felsvorsprung erzählen sich die Freunde ihre Träume – sie schwärmen von ein- und derselben Frau. Und das Unheil nimmt seinen Lauf.

Es sind mindestens zwei Gründe, die es sinnvoll erscheinen lassen, DER HEILIGE BERG an den Anfang einer neuen Schaffensphase im Werk von Arnold Fanck zu stellen. Zum einen stehen dem Regisseur durch den Einstieg der UFA hohe Budgets zur Verfügung. Bisher hatte der Autodidakt seine Low-Budget-Filme selbst produziert und zu diesem Zweck nach dem Ersten Weltkrieg die Freiburger Berg- und Sportfilm GmbH gegründet. Er drehte Werbefilme für Kletterausrüstungen und Skigerät, später auch Lehrfilme über das Skilaufen. Sein erster Spielfilm DER BERG DES SCHICKSALS (1924) kostete nur einen Bruchteil des neuen Films.

Zum anderen ist DER HEILIGE BERG Fancks erste Zusammenarbeit mit seinem neuen weiblichen Star Leni Riefenstahl. Die Handlung des Films ist - wie auch die der folgenden Bergfilme Fancks - ganz auf die Tänzerin Riefenstahl zugeschnitten. Sie steht im Mittelpunkt der Sehnsüchte und Träume der zwei Freunde, ihr Gesicht ist am Anfang und am Ende des Films in Großaufnahme zu sehen und Riefenstahl spielt, wie sollte es anders sein, eine Tänzerin. Für Eric Rentschler ist DER HEILIGE BERG Ausdruck der Angst vor weiblicher Anziehungskraft. Der Film reflektiere damit eine allgemeine Verunsicherung, die durch die Emanzipation der Frau und veränderte Sitten- und Geschlechterverhältnisse in der Weimarer Republik hervorgerufen werde. Eine Lösung gibt es nicht, die Mutter des „Freundes“ spricht es an einer Stelle offen aus: Niemals werde sich das Meer, das Element Diotimas, mit dem Fels, dem Element der zwei Freunde, vermählen. Nach dem Film trennten sich auch die Wege von Luis Trenker und seinem Lehrmeister Arnold Fanck. Ihre Freundschaft zerbrach an der Weiblichkeit von Leni Riefenstahl.

Wie jeder Bergfilm handelt auch DER HEILIGE BERG von heroischen Heldentaten. Fanck ist an der Eroberung und der technischen Beherrschung der Natur interessiert. Gründe dafür finden sich nach Jan-Christopher Horak in seiner Biografie: Fancks Begegnung mit dem Gebirge war zufällig. Er selbst stammte nämlich nicht aus dem Hochland, sondern aus der Pfalz. Da er aber als Kind an Tuberkulose erkrankte, schickten ihn seine Eltern ins Gymnasium nach Davos. Dort in luftiger Höhe lernte er das Skifahren und Klettern - und wurde gesund. Zeitlebens verstand er unter alpinem Sporttreiben ein rauschhaftes Verlangen nach Extremsituationen und Prüfungen. Gleichzeitig verklärte er das Wunder der Genesung und huldigte der körperlichen Ertüchtigung und dem Bergsport. Auch Fancks Filmhelden suchen den festen Boden unter den Füßen und verleihen ihrem Dasein in heroischen Taten Sinn.  Auffallend ist, dass Fancks akrobatische Filmhelden ihre letzte Prüfung meist bewegungsunfähig bestehen. „Der Freund“ z.B. hält auf einem vereisten Felsvorsprung stehend eine ganze Nacht lang das Seil, an dem der längst erfrorene Vigo hilflos in der Tiefe hängt. Als das Morgenlicht sein Gesicht trifft, ist er bereit für den Tod. Dieser Tod verliert seinen Schrecken und wird ästhetisch überhöht als schönes Bild, er erhält einen Sinn.

Jürgen Dittrich, 24.6.2006

Empfehlung: www.riefenstahl.de.vu

Bilder: Filmmuseum Berlin

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