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Glossar

Stummfilme / Musiker

Wie bleibe ich gesund?
1.Teil: Hygiene des häuslichen Lebens

[Deutschland 1922, Regie/Bearbeitung: Curt Thomalla, Nicholas Kaufmann, Idee: Gustav Tugendreich, Produktion: Medizinisches Archiv der Kulturabteilung der Ufa, Zulassungsdatum: 14.2.1922, 35mm, 25 Minuten]

Filme mit sozialhygienischem Inhalt entstanden in der Weimarer Republik in beachtlicher Zahl. Die meist kurzen oder mittellangen Filme wurden im Kino, in Fortbildungs- und Lehrveranstaltungen der Ärztevereine, in Schulen und Krankenhäusern, auf Betriebs- und Gewerkschaftsabenden und im Rahmen von Gesundheitswochen und Hygieneausstellungen vorgeführt und fanden so ein zahlreiches Publikum. Der vom Medizinischen Archiv der Kulturabteilung der Ufa produzierte Film Wie bleibe ich gesund? 1. Teil. Hygiene des häuslichen Lebens gehört in diesem Zusammenhang; im Abstand von drei Wochen wurde auch ein zweiter Teil unter dem Titel Wie bleibe ich gesund? 2. Teil. Hygiene der Feierstunden veröffentlich.

Gegenübergestellt wird eine gesunde und eine ungesunde Lebensweise: Das schließt unter anderem die Morgenhygiene und Gymnastik, die richtige Kleidung, das Frühstück, die richtige Zeiteinteilung, das Sauberhalten des Wohnung und die Hygiene in der Küche, die Kindererziehung und das rechtzeitige Zubettgehen ein. Der Film endet mit der Devise: „Erziehe Dich selbst! Verlängere Dein Leben durch hygienische Lebensweise!“

Verantwortlich für die Bearbeitung des Films war neben Curt Thomalla der Mediziner Nicholas Kaufmann (1892-1970), dessen Arbeiten den medizinischen und naturwissenschaftlichen Film in Deutschland stark prägten. Mit Wege zu Kraft und Schönheit schuf er 1925 für die Ufa einen abendfüllenden Kulturfilm über Körperkult und Körperertüchtigung, der weltweit für Aufsehen sorgte. Kaufmann arbeitete ab 1919 für die neugegründete Kulturabteilung der Ufa und übernahm 1927 deren Leitung; er war bis 1944 für die Ufa tätig. Der wissenschaftliche Entwurf bzw. die Idee für den Film stammte vom Kinderarzt Gustav Tugendreich (1876-1948), der von 1919 bis 1921 die Sozialhygienische Abteilung am Hauptgesundheitsamt in Berlin und danach die Säuglingsfürsorge in Berlin leitete. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde er entlassen und emigrierte 1938 er in die Vereinigten Staaten.

Die Zwischentitel des Films:

1. Medizinisches Filmarchiv bei der Kulturabteilung der Universum-Film-A. -G., Berlin, Ufa.

2. Bearbeiter: Dr. med. C. Thomalla, Dr. med. N. Kaufmann.

3. Wissenschaftlicher Entwurf: Dr. G. Tugendreich, Sozialhygieniker der Stadt Berlin.

4. Ein hygienischer und ein unhygienischer Tagesablauf vom Aufstehen bis zum Schlafengehen nebeneinander.

5. 1. Teil.

6. Welch ein Wohlgefühl des Erwachens, welch ein Gefühl frischer Kraft und quellender Daseinsfreude, wenn man in einem sauberen Zimmer bei offenem Fenster, unter leichten Decken erquickend geschlafen hat!

7. Dagegen hier? – Angst vor frischer Luft, Überhitzung unter dicken Federbetten, infolgedessen unruhiger Schlaf, aufregende Träume und selbst nach langem Ruhen mißlauniges Erwachen ohne Stärkung.

8. Die schlechte, verbrauchte Luft liegt wie ein Nebelschleier Tag und Nacht in den Räumen.

9. Ach wenn das Anziehen doch so ginge!

10. Zuerst ein paar Freiübungen – dann fühlt man gleich das Blut pulsieren!

11. Dann gründliches Waschen mit kaltem Wasser; hierbei sind Seiflappen hygienischer als die schmutzfangenden Schwämme.

12. Beim Waschen der Hände sind jedesmal der Nagelreiniger und eine kräftige Bürste zu verwenden.

13. Nicht immer ist Kürze des Lebens Würze.

14. Es geht entschieden zu weit, wenn sich der Gemeinsamkeitssinn sogar bis auf Waschwasser und Handtuch erstreckt.

15. Unterwäsche und Strumpfhalter müssen lose sitzen und elastisch sein.

16. Immer fest zugeschnürt, damit das Blut ja nicht zirkulieren kann!

17. Die Folgen.

18. Gut passendes Schuhwerk mit breiten Spitzen …

19. … bewahrt einen gesunden, schönen Fuß.

20. Die Eitelkeit des schmalen Fußes …

21. … rächt sich meist schwer.

22. „So eine Zahnbürste ist doch ein unnützes Möbel!“

23. Die Zahnbürsten sollen - zum Abtropfen - hängend aufbewahrt und vor Staub geschützt werden. Gründliche Zahnpflege mit erprobten Mitteln erspart spätere Schmerzen.

24. 90% der Schulkinder haben schlechte Zähne infolge mangelhafter Zahnpflege. Man kann aber schon Kinder von 2–3 Jahren an selbstständige Zahnpflege gewöhnen.

25. Ein reichliches Frühstück, das in Ruhe und Behaglichkeit eingenommen wird, bildet die Grundlage für das Wohlbefinden des ganzen Tages.

26. Wer dagegen das erste Frühstück mit Hast und Unruhe einnimmt, geht von vornherein abgehetzt und verstimmt an sein Tagewerk heran.

27. Wer rechtzeitig von Hause weggeht, kommt frisch und pünktlich an die Arbeitsstelle.

28. Hasten und Jagen dagegen beeinträchtigt die Frische für den ganzen Tag.

29. Sofort nach dem Aufstehen sollen die Betten weit aufgedeckt und zurückgeschlagen werden. Wenn möglich, sind sie im Freien in der Sonne zu lüften.

30. Beim Staubwischen trägt die Hausfrau ein Tuch um das Haar. Die Fenster sind weit zu öffnen.

31. Das Staubwedeln dient nur dazu, den auf den Möbeln lagernden Staub aufzuwirbeln, ohne ihn zu entfernen.

32. Zur Vermeidung von Staubentwicklung muß feucht aufgewischt werden.

33. Der Zimmerstaub enthält Krankheitskeime.

34. Die hygienische Küche. Die Abfälle sind in gut verschließbaren Eimern aufzubewahren, die täglich in den Hausmüllkästen entleert werden müssen.

35. Der Hund gehört ebensowenig in die Küche …

36. … wie Haare in die Suppe.

37. Die übliche unhygienische Speisekammer. Hausfrauen, welche unter Euch ist hierin ohne Fehler?

38. Das Wuchern von Bakterien, die eine einzige Fliege beim Laufen über eine Nährbodenplatte mit ihren stets beschmutzten Füßen abgesetzt hat.

39. Nun macht sich die Hausfrau zum Einholen fertig. Lockere Kleidung, die von den Schultern, nicht von den Hüften getragen wird, läßt die Entwicklung eines gesunden, ausgeglichenen Körpers zu.

40. Dagegen ist das Korsett eine schwere, leider nur zu sehr unterschätzte Gefahr.

41. Der dauernde Druck auf die Eingeweide führt zu bösen Verschiebungen und Pressungen der inneren Organe.

42. Der Hund im Lebensmittelladen ist eine grobe Rücksichtslosigkeit.

43. Auch das Befassen aller Lebensmittel ist eine widerliche, aber leider nur oft geübte Unsitte.

44. Zur Zeit des Mittagessens.

45. Händewaschen vor jeder Mahlzeit! Schmutzige Finger beim Essen sind meist der Grund „unerklärlicher“ Ansteckungen und Krankheiten.

46. Ruhig und behaglich essen! Gut gekaut ist halb verdaut!

47. Auch Sauberkeit ist eine Zier, doch schneller geht es …

48. Unhygienisch ist es, abgehetzt und hastig ohne Appetit ein nachlässig und lieblos zubereitetes Mahl zu verzehren.

49. Die Schularbeiten sollen so rechtzeitig erledigt sein, daß die Kinder noch einige Stunden bei Tageslicht in der frischen Luft zubringen können. Ein Schülerschreibtisch begünstigt bei der Arbeit die gerade Haltung.

50. Nach getaner Arbeit hat auch die Freude ihr Recht.

51. Für Kinder ist Spazierengehen allein keine angemessene Körperbetätigung. Die Jugend braucht lebhaftere Bewegung, Spiele, Laufen und Freiübungen.

52. Die Eltern müssen darauf achten, daß die für die Schularbeiten günstigste Zeit nicht vertrödelt wird.

53. Die staubigen Straßen mit ihrer muffigen Luft sind ein schwacher Notbehelf für Spiele im Freien.

54. Schläge und Schelte machen die versäumte Beaufsichtigung und Zeiteinteilung des Kindes nicht wieder gut.

55. Es ist traurig, wenn die Mutter Romane liest, während das Kind sich die Augen verdirbt…

56. … und obendrein durch ganz schlechte Körperhaltung beim Arbeiten Gefahr läuft, zu verkrüppeln.

57. Ein Schulkind braucht 10–11 Stunden Schlaf.

58. Aber vor dem Schlafengehen ordentlich Waschen und Zähne putzen.

59. Das Buch im Bett ist Gift für die Nerven.

60. Erziehe Dich selbst! Verlängere Dein Leben durch hygienische Lebensweise!

61. Ende.

Text: Philipp Stiasny
Aus "Erziehe Dich selbst!" - Programm aus verschiedenen Kulturfilmen

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