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Stummfilme / Musiker

Berlin. Die Sinfonie der Großstadt

[Walther Ruttmann, D 1927]

Ein Film ganz Musik und Rhythmus: berauschend und überwältigend in seiner Wirkung auf den Zuschauer, mechanisch und von minutiöser Präzision in seiner Machart. Abseits von allen Konventionen des Spielfilms der 20er Jahre ist „Berlin. Die Sinfonie einer Großstadt“ Experiment, Vision und Dokumentation zugleich.

Als sogenannter Querschnittsfilm dokumentiert „Berlin „Die Sinfonie einer Großstadt“ detailgetreu einen Tagesablauf im Berlin der 20er Jahre. Zu sehen sind fast nur ungestellte Außenaufnahmen. Die Kamera sieht die Brötchen auf einem Backblech in einer Bäckerei hüpfen, zeigt die Füße der Arbeiter, die zur Arbeit schreiten, Soldaten und Rinderherden. Sie verliert sich im Verkehr am Potsdamer Platz, steht inmitten einer Kundgebung, bewegt sich auf eine Frau zu, die – die einzige fiktive Szene des Films - Selbstmord begeht. Am Abend schließlich halten die Maschinen in den Fabriken an, und die Stadt wechselt ihre Kleider: Leuchtreklamen erhellen die Einkaufsstraßen und werfen Licht auf Revuen, Theater, Kneipen und auf das abendliche Glücksspiel.

„Berlin, die Sinfonie einer Großstadt“ gehört in den Zyklus der Großstadt-Sinfonien. Charles Sheeler und Paul Strand filmten als erste moderne Straßenschluchten. In ihrem Kurzfilm „Manhatta“ (1921) erscheint New York allerdings nicht als reale Stadt, sondern als ein abstraktes Formenspiel, als Aufeinandertreffen von Beton und Stahl. Ähnlich rhythmisiert Alberto Cavalcanti in seinem Film „Rien que les heures“ (1926) Paris. 

Auch Walter Ruttmann und sein Kameramann Karl Freund verweigern der Stadt Berlin jegliche Persönlichkeit. Der Avantgardist Ruttmann vollendet, was er bereits in seinen „absoluten Filmen“ so erfolgreich begonnen hat: die Gegenständlichkeit löst sich in Kompositionen von Licht, abstrakten Formen und Bewegung auf. Der Alltag Berlins tritt hinter Ruttmans Vision zurück. Berlin ist ein Arrangement im Rhythmus der Maschinen, eine Summe merkwürdiger Details und verschobener Perspektiven, der Kontrast aus langsamen Einstellungen und Zeitrafferaufnahmen. Ruttmann zeichnet ein poetisches Zeitdokument, oder wie Béla Balázs es nennt: er komponiert „optische Musik“. Inspiriert von Sergej Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“ (1925) montiert Ruttmann den Film virtuos. Seine „visuellen Wirbel“ vermeiden dabei aber jegliche soziale Botschaft. 

Der zeitgenössischen Kritik fiel dies auf. Sie monierte, dass der Film sich an Formen berausche und nur die Oberfläche zeige. Siegfried Kracauer schreibt enttäuscht in der „Frankfurter Zeitung“: „Während etwa in den großen russischen Filmen Säulen, Häuser, Plätze in ihrer menschlichen Bedeutung unerhört scharf klargestellt werden, reihen sich hier Fetzen aneinander, von denen keiner errät, warum sie eigentlich vorhanden sind. Ist das Berlin? Nein, das ist ein schauderhafter Abdruck, von einer gewissen Geistigkeit produziert, die mehr als peinlich ist.“ Begeistert hingegen zeigt sich Rudolf Kurtz in der „Lichtbild-Bühne“: „Das ist die Großstadt, wie sie ein Künstler erfühlt, eine Gestaltung aus Eisen, Blut und Licht – erfüllt von dem mächtigen Brausen des Lebens, das von diesem Film in das Parkett überspringt und es überwältigt.“

Bilder: Filmmuseum Berlin

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