So haben Sie Stummfilme noch nie gehört...

Glossar

Stummfilme / Musiker

Charlie Chaplin

A woman“ [Charles Chaplin, USA 1915] (20 min)
The Bank“ [Charles Chaplin, USA 1915] (33 min)
Police“ [Charles Chaplin, USA 1916] (34 min)

Charlie Chaplin gehört zur Welt des Kinos wie das Rattern des Filmprojektors. Der kleine Mann mit dem wackelnden Gang, der eingedrückten Melone auf dem Kopf und dem unverwechselbaren Bärtchen eroberte sich vor hundert Jahren die Kinosäle der Welt im Sturm, und auch heute noch ist er ein Unikum. Sein Markenzeichen ist die Figur des Tramp: Wer hat über den Menschlichsten aller Menschen nicht gelacht, was das Zeug hält, wer hat sich von dessen Naivität nicht das Herz erwärmen lassen? Dabei ist Chaplin nicht gleich Chaplin. Die zweite große Station seiner Filmkarriere führte ihn 1915-16 in die Essanay-Filmstudios nach Los Angeles. Hier drehte er 14 Filme, wobei er bereits als Regisseur, Hauptdarsteller, Drehbuchschreiber und Schnittmeister fungierte. „A woman“ (1915), „The Bank“ (1915) und „Police“ (1916) zeigen den Tramp in allerlei heiklen Situationen: als Frau verkleidet und ohne Bart, als unfreiwilligen Dieb und als großen romantischen Träumer.
 
Rudolf Anheim beschreibt das Zeitlose an den Filmen von Charlie Chaplin sehr treffend. In einem kleinen Aufsatz über die Wiederaufführung von Chaplinfilmen der 10er Jahre heißt es 1929: „Um so wichtiger ist, daß diese Filme nicht veraltert sind oder veraltern können. Die Mehrzahl der guten Filme, die ein paar Jahre alt sind, wirkt heute kindlich primitiv: man lacht über die Dürftigkeit der Lichteffekte und die Trickaufnahmen, über die ungeschickte Kriegsbemalung und die noch dicker aufgetragene Mimik der Darsteller – das macht: es handelt sich dabei um unvollkommene Versuche, zu einem Ziel zu gelangen, dem wir heute näher sind als vor fünf Jahren. Der amerikanische Groteskfilm aber, dessen Meister Chaplin ist, arbeitet nur mit Mitteln, die er beherrscht: die Kunstlosigkeit der Beleuchtung stört nicht, denn es kommt hier auf Beleuchtung nicht an, sondern nur auf den Inhalt der Vorgänge, Schminke und Bärte stören nicht, denn hier wird bewußt bombastische Maskenkunst getrieben, und die Raffinements fortschrittlicher Montage können nicht vermißt werden, wo sie von vornherein nicht in die Kalkulation eingesetzt worden sind. Daher kommt es, daß hier, beim amerikanischen Groteskfilm, zum erstenmal – so wie bei den übrigen Künsten – der Fortschritt der Technik nicht Entwertung des Vorhergehenden bedeutet. […] In siebzig Jahren wird es ein Filmmuseum geben, und die Filmleute werden manchmal hineingehen und sich im kühlen Vorführungsraum, wo die besten Jahrgänge lagern, einen alten Meister zeigen lassen, der durch eine Expertise von Geheimrat Coogan als eigenhändig erklärt und im Kunsthandel auf hunderttausend Mark geschätzt ist; da werden sie eine Stunde auf ihren Sitzen zappeln und dann mit verdrehten Augen auf die Straße torkeln wie betrunkene Enten, und dann werden sie mit fehlerfrei synchronisierter und verschleierter Stimme einander ins wulstige Ohr flüstern: „Kunststück, ein echter Chaplin!“.

Bilder mit freundlicher Genehmigung von:
Lobster Films, Paris

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